Wichtigste Punkte
Eine Glaswanne läuft kontinuierlich. Sie wird nicht nach Bedarf an- und abgeschaltet, sondern über eine Ofenkampagne hinweg dauerhaft betrieben. Daraus folgt, dass Glaslieferungen aus einer Einschmelzplanung entstehen und nicht aus einem Lagerbestand.
Kapazität ist in der Hohlglasfertigung keine freie Größe, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Wannenleistung, Maschinenbelegung, Farbfolge und Abkühlkapazität. Wer diese Kette kennt, kann Liefertermine realistisch beurteilen.
Farbwechsel, Sortenwechsel und Wannenwechsel sind geplante Eingriffe mit Vorlauf. Sie sind der Hauptgrund, warum ein Liefertermin nicht allein über den Lagerbestand gesteuert werden kann.
Kapazitätszusage, Vorlauf und Abrufmodalitäten werden je nach Projekt vereinbart. Maßgeblich sind Zielmenge, Formenzahl, Farbfolge, Verpackungsart und der gewünschte Lieferrhythmus.
Warum die Glaswanne kontinuierlich läuft
Die Herstellung von Hohlglas beginnt in einer Glasschmelzwanne. In dieser Wanne wird das Gemenge aus Sand, Soda, Kalk und weiteren Bestandteilen bei hoher Temperatur zu einer homogenen Schmelze verarbeitet. Der entscheidende Punkt ist, dass eine solche Wanne nicht kurzfristig angefahren oder abgestellt werden kann. Ein Aufheizvorgang ist langsam und materialschonend zu führen, und jede Temperaturschwankung im Aufheiz- oder Abkühlverlauf riskiert Schäden am feuerfesten Mauerwerk.
Aus dieser technischen Gegebenheit folgt die gesamte Lieferlogik der Branche. Weil die Wanne ohnehin läuft, wird Glas kontinuierlich entnommen, solange die Kampagne dauert. Wird weniger abgenommen, muss die Entnahme gedrosselt oder die Ware eingelagert werden. Wird mehr verlangt, ist die Grenze schneller erreicht als in vielen anderen Industrien, weil die Schmelzleistung feststeht. Ein Lieferwerk kann deshalb nicht beliebig auf Nachfragespitzen reagieren.
Für den Einkauf ist diese Erkenntnis wichtiger als jede Preisverhandlung. Wer versteht, dass die Ware aus einem kontinuierlichen Prozess kommt, versteht auch, warum kurzfristige Änderungen an der Bestellmenge teuer sind, warum Farben an feste Zeitfenster gebunden sind und warum ein Liefertermin nicht allein davon abhängt, ob genügend Ware auf Lager liegt.
Die Kapazität einer Wanne wird zudem von der Belegung der nachgelagerten Anlagen begrenzt. Auch wenn die Schmelze genug Material liefert, muss eine IS-Maschine frei sein, muss die Kühlstrecke die Ware aufnehmen können und muss die Verpackung die Menge bewältigen. Die Kapazität des Werks ist deshalb immer die kleinste Kapazität in dieser Kette – nicht die Leistung der Wanne allein. Unser Beitrag zum Partnerwerk-Netzwerk beschreibt, wie sich diese Kapazitäten über mehrere Standorte verteilen lassen.
Was eine Ofenkampagne ist und wie sie geplant wird
Als Ofenkampagne oder Wannenreise wird der Zeitraum bezeichnet, in dem eine Schmelzwanne ununterbrochen betrieben wird. Während einer Kampagne sind bestimmte Farben und Sortimente eingeplant, und die Reihenfolge dieser Einplanung folgt technischen und kaufmännischen Überlegungen zugleich.
Technisch gilt: Ein Farbwechsel innerhalb einer Kampagne ist aufwendig, weil Reste der vorherigen Farbe die neue Schmelze beeinflussen können. Deshalb werden Farben nicht beliebig gewechselt, sondern in geordneter Folge gefahren – üblicherweise von hell nach dunkel, weil eine dunkle Schmelze hellere Töne stärker verunreinigt als umgekehrt. Diese Reihenfolge ist keine Marotte, sondern eine physikalische Notwendigkeit.
Kaufmännisch gilt: Eine Kampagne wird so geplant, dass die Menge je Farbe und Form die Rüstaufwände rechtfertigt. Eine Sonderfarbe für eine kleine Menge ist unwirtschaftlich, wenn dafür die Wanne umgestellt werden muss. Deshalb sind Sonderfarben in der Regel an Mindestmengen gebunden und an feste Zeitfenster, die weit im Voraus festgelegt werden.
Für die Beschaffung hat das zwei Konsequenzen. Erstens sollten Sie bei Sonderfarben nicht nur nach Menge und Preis fragen, sondern nach dem Zeitfenster, in dem die Farbe gefahren wird. Zweitens sollten Sie prüfen, ob das eigene Sortiment so geplant werden kann, dass es zu diesem Fenster passt. Wer saisonale Spitzen hat, muss die Kampagnenplanung früh kennen, weil eine Anpassung nachträglich nur begrenzt möglich ist.
Ein weiterer Punkt ist die Entnahmeplanung. Weil die Wanne kontinuierlich liefert, wird die Abnahme über einen Abrufplan gesteuert. Wer die Abrufe gleichmäßig über den Kampagnenzeitraum verteilt, erleichtert die Planung auf beiden Seiten und reduziert das Risiko, dass Ware eingelagert werden muss. Wer dagegen unregelmäßig abruft, erzeugt im Werk Bestände, die die Kapazitätsplanung stören.
Kapazitätsparameter und ihre Bedeutung für die Planung
Die folgende Übersicht benennt die wesentlichen Kapazitätsparameter, ihre Bedeutung für die Lieferplanung und die Fragen, die ein Einkäufer dazu stellen sollte. Sie ersetzt keine Werksbesichtigung, gibt aber eine Struktur für das Gespräch mit dem Lieferanten.
| Kapazitätsparameter | Bedeutung für die Planung | Typische Auswirkung | Was der Kunde klären sollte |
|---|---|---|---|
| Schmelzleistung der Wanne | Obergrenze der Tagesproduktion über die gesamte Kampagne | begrenzt die Reaktion auf Nachfragespitzen | welche Grundmenge je Zeitraum zugesagt werden kann |
| Zahl der einsetzbaren IS-Maschinen | bestimmt, wie viele Formate parallel laufen können | steuert die Belegungs- und Umrüstflexibilität | wie viele Formate gleichzeitig eingeplant werden können |
| Kavitätenzahl je Formensatz | Stückzahl je Takt und je Maschinenstunde | wirkt direkt auf Stückkosten und Liefergeschwindigkeit | ob die gewünschte Menge mit der Formauslegung erreichbar ist |
| Farbfolge in der Kampagne | legt fest, wann eine Farbe überhaupt gefahren werden kann | bestimmt den Vorlauf und die Mindestmenge je Farbe | in welchem Zeitfenster die eigene Farbe eingeplant ist |
| Kapazität der Kühlstrecke | begrenzt den Durchsatz bei hohen Stückzahlen | kann zum Nadelöhr werden, obwohl die Schmelze liefert | ob der Durchsatz zur geplanten Menge passt |
| Umrüstzeit je Sortimentswechsel | der Zeitaufwand, bis eine Linie wieder produziert | erzeugt Mindestlose je Sortimentswechsel | welche Losgröße erforderlich ist, um wirtschaftlich zu sein |
| Verpackungs- und Palettierkapazität | bestimmt, wie schnell Ware versandfertig ist | beeinflusst Abrufgröße und Versandrhythmus | in welcher Ladeeinheit geliefert wird |
| Lagerkapazität im Werk | begrenzt die Zwischenlagerung vor dem Versand | erzwingt regelmäßige Abrufe statt Sammellieferungen | welcher Abrufrhythmus vereinbart werden kann |
| Planungshorizont für Kampagnen | Zeitraum, ab dem Mengen verbindlich eingeplant sind | bestimmt, wie flexibel auf Änderungen reagiert werden kann | bis wann Änderungen ohne Zusatzaufwand möglich sind |
Die Übersicht macht deutlich, warum Liefertermine nicht einfach verhandelt werden können. Sie entstehen aus einem Zusammenspiel mehrerer begrenzter Größen, von denen die meisten nicht kurzfristig veränderbar sind. Ein Lieferant, der einen Termin zusagt, tut das auf Basis einer Belegungsrechnung – und diese Rechnung kennt der Einkäufer in der Regel nicht.
Deshalb ist es sinnvoll, im Gespräch nach der Belegungssituation zu fragen und nicht nur nach dem Termin. Ein Lieferant, der erklären kann, welche Linie zu welchem Zeitpunkt welche Formate fährt, ist ein verlässlicherer Partner als einer, der Termine ohne Begründung zusagt. Die Fragen, mit denen sich eine solche Kapazitätslage strukturiert erfassen lässt, finden Sie in unserer Beschaffungs-Checkliste für Glasverpackung.
Farbwechsel und Sortenwechsel: warum sie Vorlauf brauchen
Ein Farbwechsel ist ein geplanter Eingriff in den laufenden Prozess. Er beginnt damit, dass die Zufuhr des bisherigen Gemenges reduziert und das neue Gemenge dosiert wird. Anschließend muss die Wanne so lange laufen, bis die alte Farbe vollständig ausgetragen ist. In dieser Übergangszeit entsteht Ware mit Mischfarbe, die nicht als verkaufsfähig gilt.
Diese Übergangsmenge ist der wirtschaftliche Kern des Problems. Sie ist unvermeidbar und muss von jemandem getragen werden. Deshalb sind Farbwechsel an Losgrößen gebunden: Je größer die Losgröße, desto geringer der Anteil des Übergangs an der Gesamtmenge. Für den Abfüller bedeutet das, dass eine Sonderfarbe erst ab einer bestimmten Menge wirtschaftlich darstellbar ist – unabhängig davon, wie der Stückpreis aussieht.
Ein Sortenwechsel ist technisch weniger aufwendig, aber nicht kostenlos. Beim Wechsel der Flaschenform muss der Formensatz ausgetauscht, die Maschine eingerichtet und der Prozess neu stabilisiert werden. Auch hier entsteht Anlaufware, und auch hier gilt eine Mindestlosgröße, unterhalb deren der Wechsel unwirtschaftlich wird. Wer viele kleine Varianten führt, erzeugt viele solcher Wechsel – und zahlt sie in Rüstzeit und Ausschuss.
Für die Planung folgt daraus eine einfache Regel: Reduzieren Sie die Zahl der Varianten und Farben so weit, wie es das Sortiment zulässt. Diese Reduktion ist eine der wirksamsten Maßnahmen zur Stabilisierung der Lieferkette. Sie senkt Rüstaufwand, Ausschuss und Mindestmengen gleichzeitig. Wo eine Variantenreduktion nicht möglich ist, sollten Sie die Losgrößen bewusst so bündeln, dass jeder Wechsel ausreichend Volumen mitbringt.
Ein zweiter Hebel ist die Abstimmung der Abrufe. Wenn mehrere Abfüller sich dieselbe Kampagne teilen, lassen sich Sortenwechsel besser bündeln. In einem Rahmenvertrag mit Abrufplanung wird genau das organisiert: Die Menge ist über den Zeitraum verbindlich vereinbart, die Abrufe erfolgen in abgestimmten Abständen, und die Produktion kann die Wechsel vorausschauend planen. Zum Ablauf der Lieferabwicklung siehe Glasverpackung und Logistik.
Rahmenvertrag und Abrufplanung
Ein Rahmenvertrag ist in der Hohlglasbeschaffung das übliche Instrument, um Planungssicherheit und Flexibilität zu verbinden. Er legt die Gesamtmenge, den Zeitraum, die Preise und die Abrufmodalitäten fest, ohne dass für jede Einzelbestellung neu verhandelt werden muss. Für den Abfüller bedeutet das Planungssicherheit, für das Werk eine verlässliche Auslastung.
Die zentrale Größe ist die Abrufmenge je Zeitraum. Sie bestimmt, wie gleichmäßig die Linie belegt wird und wie viel Lagerfläche im Werk benötigt wird. Eine zu optimistische Abrufplanung führt dazu, dass Ware eingelagert werden muss; eine zu vorsichtige Planung führt zu Kapazitätsengpässen, wenn die Nachfrage steigt. In der Praxis wird deshalb häufig ein Korridor vereinbart, innerhalb dessen der Abruf schwanken darf.
Ein zweiter Punkt ist die Preisbindung. Bei länger laufenden Rahmenverträgen werden Preisgleitklauseln vereinbart, die an Energie- und Rohstoffkosten anknüpfen. Solche Klauseln sind branchenüblich, weil die Energiekosten der Schmelze einen erheblichen Teil der Herstellkosten ausmachen. Prüfen Sie die Klausel sorgfältig: Sie sollte auf einen nachvollziehbaren Index bezogen und mit einer klaren Berechnungsformel hinterlegt sein.
Ein dritter Punkt ist die Mindestabnahme. Viele Rahmenverträge enthalten eine Mindestmenge je Zeitraum, unterhalb deren der vereinbarte Preis nicht gilt. Diese Mengen sind projektabhängig und werden individuell ausgehandelt. Sie sollten zur eigenen Absatzplanung passen und nicht nur zur Verhandlungslogik. Eine zugesagte Menge, die nicht abgerufen wird, bindet Kapital und kann zu Vertragsstrafen führen.
Schließlich gehört zur Abrufplanung eine klare Kommunikation zwischen Produktion, Lager und Einkauf beim Abfüller. Der häufigste Grund für Lieferprobleme liegt nicht im Werk, sondern in einer Abrufplanung, die kurzfristig geändert wird, ohne dass die Folgen bekannt sind. Definieren Sie deshalb, wer Abrufe freigibt und ab welcher Abweichung eine Abstimmung mit dem Lieferanten erforderlich ist.
Sicherheitsbestand und Pufferplanung
Weil Glaslieferungen aus einer Kampagnenplanung entstehen, ist der Sicherheitsbestand das wichtigste Instrument zur Absicherung der eigenen Produktion. Er überbrückt die Zeit zwischen zwei Abrufen und fängt Schwankungen ab, die im Werk nicht kurzfristig ausgeglichen werden können.
Die Höhe des Sicherheitsbestands leitet sich aus mehreren Größen ab: dem Abrufrhythmus, der Streuung des eigenen Verbrauchs, der Transportzeit und dem Risiko einer Verzögerung. Bei langen Transportwegen und seltenen Abrufen muss der Bestand größer sein als bei kurzen Wegen und häufigen Abrufen. Ein pauschaler Richtwert ist deshalb nicht sinnvoll.
Zwei Aspekte werden dabei häufig unterschätzt. Erstens die Lagerfläche. Glas ist voluminös und schwer, und schwere Ware belastet Regalsysteme und Böden. Wer den Sicherheitsbestand erhöht, muss prüfen, ob die Lagerstruktur das trägt – und was die zusätzliche Fläche kostet. Zweitens die Kapitalbindung. Ein hoher Bestand bindet Kapital und erhöht das Risiko, dass Ware durch Änderungen am Design oder am Etikett entwertet wird.
Ein praktikables Vorgehen ist die Unterscheidung nach Kritikalität. Für Sortimente, die restlos ausverkauft werden und keine Designänderung erwarten lassen, ist ein höherer Bestand unproblematisch. Für Produkte mit Modewechsel, Etikettänderungen oder begrenzter Haltbarkeit ist ein hoher Bestand riskant. Richten Sie den Sicherheitsbestand deshalb nach der Kritikalität aus und nicht nach einer einheitlichen Prozentzahl.
Warum die Lieferzeit von der Einschmelzplanung abhängt
Die häufigste Fehlerwartung im Einkauf lautet, dass Ware «auf Lager» liege und deshalb kurzfristig verfügbar sei. Bei Hohlglas trifft das nur für Standardformate in Standardfarben zu, die in der laufenden Kampagne ohnehin produziert werden. Alles andere ist an die Einschmelzplanung gebunden.
Der Ablauf ist in der Regel so: Die Anfrage trifft ein, die Machbarkeit wird geprüft, die Formensituation wird bewertet, und dann wird geprüft, in welches Zeitfenster der Kampagne das Format passt. Erst danach kann ein Termin zugesagt werden. Wenn das Format bereits eingeplant ist, ist der Termin kurz. Wenn nicht, verschiebt er sich auf das nächste Fenster, in dem die Farbe gefahren wird.
Daraus ergibt sich eine zweite, oft übersehene Konsequenz: Der Termin hängt auch davon ab, wie viele andere Aufträge im gleichen Fenster liegen. Ein Fenster mit hoher Auslastung kann einen späteren Termin ergeben als ein Fenster mit freier Kapazität. Ein Lieferant, der dieses Bild offenlegt, ermöglicht seinem Kunden eine bessere Planung – und das ist ein gutes Kriterium für die Lieferantenbewertung.
Für die Praxis empfiehlt sich deshalb eine frühe Kommunikation. Teilen Sie dem Lieferanten Ihre Jahresplanung mit, auch wenn sie unverbindlich ist. Ein Werk kann eine ungefähre Mengenvorstellung besser einplanen als eine späte Einzelbestellung. Diese Vorlaufkommunikation kostet nichts und verbessert die Terminsituation in der Regel deutlich.
Der zweite Hebel ist die Standardisierung. Wer bei Formaten und Farben aus dem Standardprogramm bleibt, reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Kampagnenfenstern erheblich. Sonderwünsche sind legitim und oft notwendig, aber sie sollten bewusst gewählt werden – in Kenntnis der Tatsache, dass sie den Terminhorizont verlängern. Wie sich Standardisierung und Sortimentsvielfalt in einem konkreten Getränkesegment auswirken, zeigt unsere Seite zu Glasflaschen für alkoholfreie Getränke.
Wannenwechsel und geplante Stillstände
Nach einer bestimmten Betriebszeit muss eine Schmelzwanne erneuert oder zumindest umfassend instandgesetzt werden. Dieser Vorgang wird als Wannenwechsel oder Wannenreparatur bezeichnet und ist ein geplanter Stillstand, der weit im Voraus in der Kapazitätsplanung berücksichtigt wird.
Solche Stillstände sind für die Kunden relevant, weil während dieser Zeit keine Ware aus der betroffenen Wanne kommt. Wer von einem Werk abhängig ist, sollte den geplanten Stillstand kennen und seine Bestellplanung darauf ausrichten. In der Praxis werden größere Bestände vor einem Stillstand aufgebaut, oder die Produktion wird auf ein anderes Werk verlagert.
Der zweite Fall – die Verlagerung – ist ein Argument für die Zusammenarbeit mit mehreren Standorten oder für die Nutzung eines Werkverbunds. Kann ein Format in mehreren Werken gefertigt werden, sinkt die Abhängigkeit von einzelnen Stillständen. Voraussetzung dafür ist, dass die Spezifikation übertragbar ist, also nicht auf werkseigene Besonderheiten angewiesen ist.
Für den Einkauf folgt daraus, die Übertragbarkeit aktiv zu fördern. Das beginnt bei der Zeichnung, die vollständig und normbezogen sein sollte, und setzt sich bei der Freigabe von Alternativwerken fort. Wer diesen Aufwand früh betreibt, gewinnt in Engpasssituationen Handlungsspielraum, den andere nicht haben. Der Werkverbund ist damit nicht nur eine Preis-, sondern eine Risikofrage.
Saisonalität, Nachfrageschwankungen und Kapazitätsfenster
Alkoholfreie Getränke und viele Lebensmittelprodukte unterliegen einer ausgeprägten Saisonalität. Der Bedarf an Flaschen steigt im Frühjahr und im Sommer deutlich an und fällt in den Wintermonaten zurück. Für eine Schmelzwanne, die ganzjährig läuft, ist diese Schwankung eine Planungsaufgabe, weil die Produktion nicht im gleichen Rhythmus mitgehen kann.
Die übliche Antwort der Branche ist die Vorproduktion. In den verbrauchsschwachen Monaten wird Glas auf Vorrat gefertigt und eingelagert, damit in der Saison aus dem Lager bedient werden kann. Für den Abfüller bedeutet das, den saisonalen Bedarf früh zu kennen und den Bestandsaufbau entsprechend zu planen. Wer im Frühjahr kurzfristig zusätzliche Mengen braucht, findet in der Regel kein freies Kapazitätsfenster mehr.
Daraus ergibt sich eine zweite Konsequenz: Die Bestellung muss dem Verbrauch vorauslaufen. Ein Abfüller, der seinen Bedarf für die Saison kennt, kann einen Teil davon in der vorangegangenen Periode produzieren lassen und die Ware einlagern. Dieser Vorlauf ist wirtschaftlich, weil er die teuren kurzfristigen Anpassungen vermeidet. Er verlangt aber Lagerfläche und Kapitalbindung – zwei Größen, die in die Kalkulation gehören und nicht als Nebenkosten behandelt werden sollten.
Ein zweiter Faktor sind unerwartete Nachfragespitzen außerhalb der üblichen Saison. Sie können durch eine erfolgreiche Produkteinführung, durch eine Werbeaktion oder durch den Ausfall eines Wettbewerbers entstehen. Solche Spitzen sind für ein Glaswerk besonders schwer zu bedienen, weil die Schmelze kurzfristig nicht mehr Material liefern kann. Die einzige belastbare Antwort ist eine offene Kommunikation mit dem Lieferanten, damit ein freies Fenster gesucht werden kann, statt auf einen Termin zu bestehen, der nicht zu halten ist.
Ein dritter Faktor ist die Belegung durch andere Aufträge. Kapazitätsfenster sind nicht nur von der eigenen Bestellung abhängig, sondern von der gesamten Auftragslage des Werks. Ein Fenster, das im Vorjahr frei war, kann im Folgejahr belegt sein, weil ein anderer Kunde seine Mengen erhöht hat. Deshalb ist eine langfristige Zusammenarbeit mit verlässlichen Mengenangaben für beide Seiten vorteilhaft: Der Abfüller erhält Vorrang bei der Einplanung, das Werk eine planbare Auslastung.
Schließlich lohnt der Blick auf die eigene Absatzprognose. Eine Prognose, die den Bedarf zu optimistisch schätzt, führt zu Überbeständen; eine zu vorsichtige Prognose führt zu Engpässen. In der Praxis ist ein gestaffeltes Vorgehen sinnvoll: eine verbindliche Grundmenge für die sichere Bedarfsdeckung und eine optionale Zusatzmenge, die zu einem späteren Zeitpunkt bestätigt wird. Solche Staffelungen lassen sich in einem Rahmenvertrag abbilden und geben beiden Seiten Planungssicherheit, ohne dass eine Seite ein unkalkulierbares Risiko trägt.
Liefertreue bewerten und Abweichungen steuern
Liefertreue ist in der Hohlglasbeschaffung keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ergebnis guter Planung auf beiden Seiten. Für die Lieferantenbewertung empfiehlt es sich deshalb, mehrere Kennzahlen zu erfassen und nicht nur die Termingenauigkeit.
Sinnvolle Größen sind: die Einhaltung des vereinbarten Termins, die Vollständigkeit der Lieferung, die Übereinstimmung der Mengen mit dem Abruf, die Schadensquote bei der Ankunft und die Reaktionszeit bei Rückfragen und Reklamationen. Diese Kennzahlen zusammengenommen ergeben ein deutlich realistischeres Bild als ein einzelner Terminwert.
Die Steuerung von Abweichungen folgt einer klaren Logik: intern dokumentieren, formell beim Lieferanten melden, gemeinsam Ursache und Gegenmaßnahme festlegen und die Wirkung überprüfen. Wichtig ist, dass die Rückmeldung zeitnah erfolgt. Ein Problem, das erst Wochen später gemeldet wird, lässt sich in der Produktionsplanung nicht mehr nachvollziehen.
Für die Abfüllung ist außerdem eine gute Vorbereitung auf Ankunftsschwankungen erforderlich. Wenn Ware später kommt, muss die eigene Linie planbar weiterlaufen. Das ist nur mit einem durchdachten Sicherheitsbestand und einer klaren Eskalationslogik möglich. Damit schließt sich der Kreis: Die Beschaffung von Glas ist kein Einkaufsakt, sondern eine Planungsaufgabe, in der Kapazität, Bestand und Linienverfügbarkeit aufeinander abgestimmt werden müssen. Die dafür relevanten Angaben sind in unserer RFQ-Checkliste für Glasflaschen zusammengestellt.
Häufige Fragen
Warum kann ich Glasflaschen nicht kurzfristig nachbestellen?
Weil die Herstellung aus einer kontinuierlich laufenden Schmelzwanne kommt, deren Kapazität feststeht und die in Kampagnen fährt. Kurzfristige Mengenänderungen lassen sich nur begrenzt abbilden, und Sonderfarben sind an feste Zeitfenster gebunden. Eine frühe Planung und ein Rahmenvertrag mit Abrufplanung schaffen hier deutlich mehr Spielraum als kurzfristige Einzelbestellungen.
Was bedeutet Ofenkampagne für meine Lieferplanung?
Die Kampagne legt fest, welche Farben und Formate in welchem Zeitraum gefahren werden. Ihre Lieferung ist damit an ein Zeitfenster gebunden, nicht nur an eine Menge. Fragen Sie deshalb nicht nur nach dem Termin, sondern auch nach dem Zeitfenster, in dem Ihr Format eingeplant ist, und richten Sie Ihre Abrufplanung daran aus.
Warum braucht ein Farbwechsel so viel Vorlauf?
Beim Farbwechsel muss der Rest der bisherigen Schmelze vollständig ausgetragen werden, und in der Übergangszeit entsteht Ware mit Mischfarbe, die nicht verkaufsfähig ist. Deshalb wird der Wechsel geplant und an Losgrößen gebunden. Je größer die Menge je Farbe, desto geringer der Anteil dieser Übergangsmenge und desto wirtschaftlicher der Wechsel.
Wie hoch sollte mein Sicherheitsbestand sein?
Eine allgemeine Angabe lässt sich dazu nicht treffen, weil die Höhe vom Abrufrhythmus, von der Verbrauchsstreuung, der Transportzeit und dem Risiko von Verzögerungen abhängt. Zusätzlich begrenzen Lagerfläche und Kapitalbindung den Bestand. Richten Sie die Höhe außerdem nach der Kritikalität des Sortiments aus statt nach einer einheitlichen Prozentzahl.
Was passiert bei einem Wannenwechsel oder Stillstand?
Während eines geplanten Stillstands liefert die betroffene Wanne keine Ware. Wer von einem Werk abhängig ist, sollte den Termin kennen und die Bestellplanung darauf ausrichten – etwa durch einen vorgezogenen Bestandsaufbau. Ist das Format in mehreren Werken fertigbar, sinkt die Abhängigkeit, sofern die Spezifikation übertragbar ist.
Wie werden Kapazität, Vorlauf und Mindestmengen vereinbart?
Kapazitätszusagen, Vorlaufzeiten, Mindestmengen und Abrufmodalitäten werden je nach Projekt individuell vereinbart. Maßgeblich sind Zielmenge je Zeitraum, Zahl der Formate, Farbfolge, Verpackungsart und gewünschter Lieferrhythmus. Bitte nennen Sie diese Angaben in der Anfrage, damit eine belastbare Kapazitäts- und Terminplanung möglich ist.
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